Unterwegs mit Marcus X. Schmid

Marcus X. Schmid

In meiner Schulzeit war eine Fahrt ins Tessin stets ein bisschen wie eine Fahrt nach Italien. Man testete im Tessin seine Italienischkenntnisse und freute sich, wenn dank der paar Sprachbrocken der Rotwein tatsächlich auf den Tisch kam. Von Wein verstanden wir natürlich alle nichts, die Qualität interessierte uns nicht die Bohne. Die Hauptsache war das Bild: Man saß im Grotto und trank Wein. Noch angenehmer war das Dolcefarniente, wenn wir hörten, dass es zuhause in der Deutschschweiz regnete, während im Tessin die Sonne schien – wie in Italien.

In späteren Jahren reiste ich oft von Italien in die Schweiz ein. Nach der Grenze fiel mir als Erstes auf: Ob Toiletten, Bahnhöfe oder Straßen, alles ist ein bisschen sauberer. Und wenn ich mit der Bahn nachhause fuhr, so stellte ich erleichtert fest: Die Züge fahren wieder pünktlich – wie überall in der Schweiz.

Die Tessiner fühlen sich zur Schweiz zugehörig, aber von der Berner Regierung vernachlässigt. Andererseits ist ihnen Milano oft näher als Zürich. Aber mit Italienern wollen sie natürlich nicht verwechselt werden. Ein bisschen Italianità, aber unter helvetischem Dach. Eigentlich könnten sie Brückenbauer zwischen den Kulturen dies- und jenseits der Alpenkette sein. Darüber denke ich am liebsten bei einem Boccalino Rotwein nach – am Granittisch im Grotto.

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